Rezensionen zu meinen Büchern

Das Herz der Kabbala
Ohne Wurzelsaft keine Baumkraft

Das Herz der Kabbala

Mystische Weisheiten für jeden Tag des Jahres
Hg. von Dr. Yuval Lapide
O.W. Barth Verlag, 2011

Max Brod (1884-1969) bezeichnet in seinem Buch „Judentum, Heidentum, Christentum “die Unbegreiflichkeit Gottes als das „edle Unglück“ des Menschen.  In allen Religionen ist die Frage und Sehnsucht nach diesem „ganz Anderen“ gegenwärtig.
Dr. Yuval Lapide veranschaulicht die Fragestellung des „Sich nähern“ an das Undefinierbare durch ausgewählte Texte aus der Fülle der Kabbala, der jüdischen Mystik, die den Leser Stück für Stück  an jedem Tag des Jahres begleiten sollen.
Die Kabbala heißt übersetzt „Empfang“ und die Kabbalisten „Empfänger“.  Die Kabbala sei eine umfassende Lehre des Judentums, die sich im Laufe von gut 2000 Jahren seit  der Zeitwende in den verschiedenen Zentren der jüdischen Gelehrsamkeit entwickelt hatte, besonders in Israel, Frankreich, Spanien und Italien, erklärt der Herausgeber  in seiner Einführung. Ihr Hauptwerk sei das „Sefer ha Sohar“, „das Buch des Glanzes“.
Die Kabbalisten seien hervorragende Kenner der Heiligen Schrift und aller anderen Werke des klassischen Judentums gewesen. Sie spürten jedoch, dass es eine andere „zweite Lehre“ ihres Glaubens gäbe, deren „Empfänger“ sie seien; eine Lehre, die nicht durch den Verstand, sondern den innersten Teil der Seele, in dem ein Funke des Göttlichen innewohne, vermittelt werden könne.  Die Kabbalisten wähnten sich als Empfänger der verborgenen Seite des jüdischen Glaubens, die aus der „inneren Dimension“ der Heiligen Schrift herausströme. Diese verborgene Seite Gottes, umschrieben die Kabbalisten mit dem hebräischen Wort „Ain Soph“, das Unendliche, die absolute Transzendenz Gottes.
„Von keiner einzigen Denkkraft kann Er jemals erfasst werden. Denn Er bewohnt keinen Ort, und Er ist unendlich. Er war, Er ist und Er wird immer sein“, sagt der Kabbalist Isaak  Luria im 16. Jahrhundert in Safed am See Genezareth. Und das Wesen des Glaubens sei, betonen die Kabbalisten, „sich der Größe der Unendlichkeit Gottes bewusst zu werden.“ (Das Herz der Kabbala).
Aus König Davids Lobeshymne an Gott sowie König Salomos Sprüche über die Attribute Gottes stellten die lurianischen Kabbalisten des 16. Jahrhunderts die Sephirot, die zehn göttlichen Zentraleigenschaften oder Kräfte, wie Keter (Krone), Chochma (Weisheit) usw. zusammen, die den transzendenten Gott im Rahmen seines Schöpfungswerkes in der immanenten (sichtbaren-materiellen) Schöpfung manifestieren. Gott sei der Ursprung der stetigen Schöpfung: „Mit dem Erscheinen des Lichts dehnt sich das Universum aus“.
Im Geschaffenen bleibe er verborgen: „Mit der Verhüllung des Lichts wurden alle Dinge, die existieren, erschaffen.“ Doch gerade durch seine Verhüllung werde er  auch zum sich offenbarenden Gott: „Wenn kraftvolles Licht verborgen und in ein Gewand gehüllt ist, wird es zum Vorschein gebracht (…), denn wäre es nicht verborgen, könnte es nicht offenbar werden.“ 
Man müsse Gott nacheifern, um ihn zu erfahren: „Eifere deinem Schöpfer nach. Dann wirst du in das Mysterium der himmlischen Form eintreten, in das göttliche Abbild, nach dem du geschaffen wurdest.“ Das Eintauchen in das göttliche Abbild geschehe nicht allein durch das Studium der Schrift, sondern auch und vornehmlich durch praktisches Tun.
Es wird erzählt, dass Rabbi Schneor Salman von Liadi, der erste Rabbiner der chassidisch-kabbalistischen Lubawitscher Dynastie im 18. Jahrhundert, plötzlich in der Mitte der Liturgie des Versöhnungstages die Synagoge verlassen habe. Die allein gelassene Gemeinde folgte ihm nach und sah, dass der Rabbi in ein kleines Haus mit einem Säugling und dessen Mutter eintrat, Holz hackte, ein Feuer im Offen anzündete, eine Suppe kochte und sich um Mutter und Kind kümmerte. Erst nachdem die Arbeit erledigt war, kehrte er in die Synagoge zurück (zitiert aus „Der große Maggid und seine Nachfolge“).
Diese Geschichte ist kennzeichnend für den Chassidismus, einer aus der Tradition der Kabbala hervorgegangenen Bewegung im 18. Jahrhundert in Osteuropa, gegründet von Rabbi Israel Ben Elieser, genannt Baal Schem Tow (Meister des guten Namens). Die Chassidim sahen den Zugang zu Gott nicht im Studium der heiligen Bücher, sondern im gelebten täglichen Leben. „Alles was du tust, kann ein Weg zu Gott sein“, war ihr Bekenntnis. Der Baal Schem Tow pflegte zu sagen: „Hätten sie mich doch verlassen“, spricht Gott und „meine Lehre bewahrt“.
„Das ist so zu deuten: Der Endsinn des Wissens ist, dass wir nicht wissen.“ Das heißt, Gott könne man nur in seinen Geboten, die zum praktischen Tun aufrufen, erahnen. Durch die Hitlahabut, das bis in die Ekstase begeisterte, „be-geist-ete“, leidenschaftliche Dienen Gottes, erfahre der gläubige Mensch in seiner ihn überwältigenden Sehnsucht, jener Kraft aus dem unsichtbaren göttlichen Funken in ihm, sich mit dem Göttlichen zu „vermählen“: „Dies ist das Erdenleben der Hitlahabut, die sich über alle Grenzen schwingt und sich mit Gott vermählt. Sie ist die Tochter eines Menschenwillens und die Herrin der Heerscharen, das Fünklein eines Wesens, das sterben muss, und die Flamme, die Raum und Zeit verzerrt, das im Aufblühen welkende Gewächs einer Sehnsucht.“ (Die Legende des Baal Schem). Beten bedeute „die ganze innere Hingabe, das vollkommene, sich mit seiner ganzen Existenz an den Empfänger des Gebets Ausliefern.“(Der große Maggid und seine Nachfolge).
Gemäß der kabbalistisch-chassidischen Lehre steige Gott durch Selbsterniedrigung (Zimzum) in die Materie nieder. Die Schechina, die Innewohnung Gottes in seinen Geschöpfen, stelle die weibliche Seite der sonst überwiegend männlichen Gottesbegriffe der rabbinischen Gedankenwelt dar. Die Schechina sei „ein preisgegebenes Wesen und doch ein Gottwesen, von seinem Ursprung abgetrennt und doch nicht abgetrennt.“ (Der große Maggid und seine Nachfolge). Die Scheidung heiße Zeit und die Vereinigung (des Männlichen mit dem Weiblichen) bedeute Ewigkeit. (Der große Maggid und seine Nachfolge.)
Dr. Yuval Lapide bringt in seinem Buch repräsentative und stimulierende Zitate aus der klassischen Kabbala, dem Chassidismus sowie aus den erläuternden Werken Martin Bubers (1878-1965), der den Chassidismus im 20. Jahrhundert neu entdeckt, bekannt gemacht und in seinen markanten Worten nacherzählt hat. Am Ende des Buches befindet sich ein umfangreiches Glossar zu wiederkehrenden kabbalistisch-chassidischen Begriffen. Lapide stellt zum Monat Januar das Wort Ain Soph als Monatslosung voran und für jeden folgenden Monat eine der zehn Sephirot; die Gesamtzahl der Zwölf wird durch den erwähnten Zentralbegriff, Gottes Schechina, abgerundet. Der Herausgeber beginnt seine Auswahl der Texte mit Ain Soph, denn über allen Sephirot stehe Gott als undefinierbares Wesen als das „ganz Andere“.
„Die Kabbala verstand sich von jeher als mystische Weisheitslehre, als Erkenntnis- und Erleuchtungslehre“, so ist in der Einführung zu lesen. Der Leser solle sich durch kontinuierliches Meditieren der Tagestexte in die Welt der kabbalistischen Weisheit einlesen und einfühlen. Wichtig sei, vorrangig mit der „Logik des Herzens“, und nicht mit dem logisch operierenden Verstand, die Texte zu lesen und auf sich wirken zu lassen.
Das Buch „Das Herz der Kabbala“ ist sowohl für motivierte Juden wie auch für motivierte Christen geeignet – für Leser beider „Offenbarungsreligionen“, die sich nach Begegnung mit den schillernden „verborgenen Offenbarungen“ des Judentums sehnen. Eine ideale spirituelle Kost für zeit- und stressgeplagte Menschen unserer modernen Zeit und Gesellschaft, die sich nicht viel Zeit gönnen können, in die großen Werke der jüdischen Mystik einzutauchen, nichtsdestotrotz auf eine tägliche Dosis geistlicher, wegweisender Nahrung nicht verzichten wollen. Ein sehr empfehlenswertes Meditationsbuch in der Reihe der Meditationen der großen Weltreligionen und Weltanschauungen im gleichen herausgebenden Verlag.
  
Monika Beck M.A., freischaffende Journalistin und Rezensentin für zahlreiche Presseorgane im jüdisch-christlichen Dialog, Aachen. 


Ohne Wurzelsaft keine Baumkraft

Yuval Lapide (Hrsg.)

Die wegweisende Theologie dreier großer deutsch-jüdischer Brückenbauer:
Franz Rosenzweig – Martin Buber – Schalom Ben-Chorin

Anthologie herausgegeben von Yuval Lapide
Mit einem Geleitwort von Avital Ben-Chorin
München: Verlag Sankt Michaelsbund, 2014
191 S., Klappenbroschur
ISBN 978-3-943135-24-4
€ 14,90

DR. YUVAL LAPIDE ist der Sohn des großen Religionsgelehrten Pinchas Lapide und in Jerusalem geboren. In der Tradition seiner bahnbrechenden Lehrer und Vorbilder
Pinchas Lapide, Schalom Ben-Chorin, David Flusser und Leo Baeck pflegt er engagiert die theologische Begegnung von Juden und Christen und widmet sich leidenschaftlich der Versöhnung und Verständigung zwischen den beiden großen biblischen Glaubensgeschwistern nach der schweren Erschütterung des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte.

Diesem Buch, das dem 100. Geburtstag des Brückenbauers Ben-Chorin (1913-1999) gewidmet ist, liegt die Absicht zugrunde, Schalom Ben-Chorin im Zusammenwirken mit seinen beiden großen theologischen Vorbildern und Vorkämpfern, Franz Rosenzweig (1886-1929) und Martin Buber (1878-1965), anhand seiner und ihrer geistigen Vermächtnisse zu porträtieren. Die großen brückenbauenden Gedanken der beiden deutschen Juden – vor der Vernichtung des deutschen Judentums – haben Schalom Ben-Chorin geprägt.
Der Herausgeber dieses Buches hat aus den entscheidenden Werken der beiden „Lehr-Meister“ Rosenzweig und Buber diejenigen wegweisenden Zitate, die für einen Neubeginn der Beziehung zwischen Juden und Christen nach der Hitlerkatastrophe von Bedeutung sind, zusammengetragen und zu ihrem leidenschaftlichen „Schüler-Meister“ Schalom Ben-Chorin in Beziehung gesetzt.

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